Eine solidarische Verkehrswende ist eine inklusive Verkehrswende!

Als Verkehrspolitiker sehe ich mich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, wer etwas für die Mobilität von Menschen mit Behinderungen tun wolle, müsse vor allem für ausreichend Parkplätze sorgen. Das Fahrrad sei „kein inklusives Verkehrsmittel“. Dabei gibt es viele Menschen, die aufgrund einer Behinderung kein Auto fahren können, sehr wohl aber mit einem entsprechenden Fahrrad selbstbestimmt unterwegs sein können.

Über Teilhabe im Straßenverkehr und die Rolle, die das Fahrrad dabei einnimmt, habe ich in der vergangenen Woche im Rahmen einer Zoom-Konferenz mit mehr als 40 Interessierten umfassend diskutiert. Mit dabei waren:

  • Kirsten Hase leitet die Marketingabteilung bei dem Fahrradhersteller „HASE Bikes“.
  • Dirk Mitzloff ist stellvertretender Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen in Schleswig-Holstein.
  • Sylvia von Kajdacsy koordiniert das Inklusionsbüro der Lebenshilfe Schleswig-Holstein.

Zu Beginn der Veranstaltung hat Frau Hase zunächst eine Auswahl an Spezialfahrrädern vorgestellt. Dann haben die Referent*innen und Teilnehmenden über die alltäglichen Probleme von Menschen mit Behinderungen im Straßenverkehr gesprochen und Lösungsvorschläge gesammelt. Dies ist eine Zusammenfassung der Diskussion:

  1. Welche speziellen Fahrräder für Menschen mit Behinderung gibt es?
  • Ein Dreirad (mit und ohne Elektromotor) in unterschiedlichen Ausführungen ist geeignet für Menschen mit körperlichen Behinderungen, mit Gleichgewichtsstörungen und für Senior*innen.
  • Es gibt Fahrräder, die man mit den Händen bewegt („Handbikes“), für Menschen, die im Rollstuhl sitzen.
  • Ein Liegerad, das man mit den Beinen bewegt, ist vor allem praktisch für Menschen, die Probleme mit dem Gleichgewicht haben.
  • Auf einem Tandem kann auch eine blinde Person mitfahren.
  • Mit einer Rikscha kann ein sportlicher Mensch ein oder zwei nicht so fitte Menschen mitnehmen.
  • Außerdem gibt es Liegerad-Tandems (verbindet ein herkömmliches Rad mit einem Liegerad), Liege-Dreiräder und Fahrräder in vielen weiteren Ausführungen.
  1. Welche Probleme gibt es für Menschen mit Behinderung, die Fahrrad fahren wollen?
  • Spezielle Fahrräder für Menschen mit Behinderungen sind oft sehr teuer.
  • Beim Fahrradverleih kann man nur herkömmliche Fahrräder ausleihen.
  • Große Fahrräder können im Zug nicht mitgenommen werden.
  • Viele Radwege sind zu schmal für breite Fahrräder. Menschen, die unsicher sind, möchten nicht auf der Straße fahren.
  • Die Politik denkt insgesamt zu viel an Autofahrer*innen und zu wenig an Fahrradfahrer*innen.
  1. Welche Vorschläge wurden in der Diskussion gemacht?
  • Die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigung sollten bei allen möglichen Planungen mitbedacht werden.
    • In Schleswig-Holstein sollte ein Aktionsplan für eine inklusive Gesellschaft aufgestellt werden, bei dem es auch explizit um den Straßenverkehr geht.
    • Bei der Stadtplanung sollte ein stärkerer Fokus auf Barrierefreiheit gelegt werden. Beim Bau von Radwegen muss bedacht werden, dass Dreiräder oder Lastenräder nicht so schmal und wendig sind wie ein herkömmliches Fahrrad.
  • Autos sollten in den Innenstädten nur 30 Stundenkilometer fahren dürfen.
  • Spezialräder für Menschen mit Behinderung sollten bei Leihfahrrad-Konzepten bedacht werden.
  • Die Politik sollte die Anschaffung von behindertengerechten Fahrrädern für den Privatgebrauch stärker fördern (ähnlich wie es in Schleswig-Holstein eine Prämie für die Anschaffung eines Lastenrads gibt).
  • Wir brauchen nicht nur „Autogipfel“, sondern auch „Fahrradgipfel“.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Veranstaltung:

Für (fast) jeden gibt es ein passendes Fahrrad. Daher gilt: Das Fahrrad kann ein inklusives Verkehrsmittel sein, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Dies betrifft die finanzielle Förderung bei der Anschaffung behindertengerechter Fahrräder, die Stadtplanung und die Überarbeitung der Verkehrsregeln.

Das Fazit der Expertinnen und Experten:

  • Dirk Mitzloff: „Fahrradfahren ist so vielseitig wie das Leben mit einer Behinderung. Beides passt gut zusammen. Wir müssen uns Gedanken machen, wie mehr Menschen mit dem Rad fahren (wollen). Dazu brauchen wir eine barrierefreie und breit angelegte Infrastruktur und gute Förderinstrumente für angepasste Fahrräder.
  • Sylvia von Kajdacsy: „Für eine inklusive Verkehrspolitik braucht es umfassende Konzepte, in denen alle Verkehrsteilnehmer*innen mitgedacht werden. Dazu gehören strukturelle Anpassungen, wie z.B. breiterer Radwegausbau, aber vor allem auch eine entsprechende Kultur und das Bewusstsein der Verkehrspolitiker*innen für die unterschiedlichen Anforderungen z.B. von Menschen mit Behinderungen. Letzten Endes geht es immer darum, die Teilhabe für alle möglich zu machen!“
  • Mathias Stein: „Auch in der Stadt lässt sich nicht jede Strecke mit dem Fahrrad bewältigen. Wir brauchen eine Verkehrspolitik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt – nicht einzelne Verkehrsmittel. Dabei gilt: Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen, von Kindern oder älteren Menschen müssen bei allen Planungen berücksichtigt werden. Eine solidarische Verkehrswende ist eine inklusive Verkehrswende!“